Zirkadianer Rhythmus #156
Einmal rundherum
ca. 1 m
ca. 51 kg
ca. 0.7 l
«Ca.» verstehen wir sofort. Schon Kinder wissen: Das bedeutet «ungefähr». Aber woher kommt dieses kurze, häufig verwendete Wort eigentlich? Betreiben wir wieder einmal etwas Sprach-Archäologie und graben die verborgenen Schichten aus. Ich weiss, das ist etwas, was es nicht unbedingt braucht, um im Grossstadt-Dschungel zu überleben, aber dieses Wissen ist wie das «Chriesi» (Kirsche) auf der Schwarzwäldertorte – MIT ist es einfach besser.
Ausgesprochen klingt circa ungefähr so: «zirka»
Jetzt sind Sie gefragt! Welche Wörter kommen Ihnen dazu als erstes in den Sinn?
Zirkel. Zirkus. Circle (englisch für Kreis).
Fällt Ihnen auch auf, was ich bemerkt habe?
Irgendwie haben alle drei Wörter etwas mit Kreis oder rund zu tun.
«Aber was hat das mit ‚circa‘ zu tun, wie wir es verwenden?», würde Onkel Hubert jetzt sicher fragen. Seine Emmi würde von ihrer Strickarbeit aufschauen, ihm einen tadelnden Blick zuwerfen und an den neuen Wollsocken für den nächsten Winter weiter stricken.
Also nehmen wir die Schaufel und legen die oberste Schicht frei: Das Wort «circa» stammt aus dem Lateinischen circā und bedeutet «ringsherum», »ungefähr» oder «etwa».
«Und was bitteschön haben ‚ringsherum‘ und ‚ungefähr‘ miteinander zu tun?!» Onkel Hubert ist nicht auf den Kopf gefallen, aber manchmal sollte er etwas länger warten. Ein strenger Blick begleitet von einem gemurmelten «du Stürmi» (du Ungeduldiger!) von Emmi wäre ihm nach diesem Einwurf garantiert.
Er hat Recht, «ringsherum» und «ungefähr» wirken ziemlich weit voneinander entfernt. Graben wir also eine nächste Schicht aus, um die Antwort zu finden: Die Verbindung entsteht über einen Bedeutungswandel, der historisch recht typisch ist. Ursprünglich hiess circā «um etwas herum», «in der Umgebung von» – klingelt’s bei Ihnen?
Versteht man circa als «nicht exakt auf dem Punkt, sondern in der Nähe davon», wird die Sache auf einmal klar. Übertragen auf Zahlen hat sich daraus das heute gebräuchliche Verständnis entwickelt.
Und übrigens! Wir sagen auch «um die 100 Franken» oder «rund 100 Franken». Voilà.
Wörter tragen ihre Geschichte oft noch Jahrtausende später in sich. Genau so ist es auch beim zirkadianen Rhythmus, dem heutigen Thema. Nach der Einführung ist Ihnen klar, dass das etwas mit «ungefähr» oder «rund» zu tun haben muss.
Der zirkadiane Rhythmus – unser Taktgeber
Mit dem zirkadianen Rhythmus ist ein innerer biologischer Zyklus von ungefähr 24 Stunden gemeint – einmal Tag und Nacht – einmal rundherum – bis es wieder von vorne beginnt. Dieser Rhythmus steuert viele Prozesse des Lebens. Vor allem jedoch beeinflusst er die Schlaf-Wach-Phasen, sprich, er hat seine «Hände» beim Schlaf im Spiel. Dabei spielen die Wechsel von Licht zu Dunkelheit und umgekehrt eine entscheidende Rolle. Via spezielle Fotorezeptoren in der Netzhaut der Augen registriert unser Körper, wie viel Licht vorhanden ist und ob zum Beispiel gegen Abend mehr Melatonin ausgeschüttet werden soll (Das Licht ist ein wichtiger aber nicht der einzige Faktor!).
Diese Zusammenhänge sind in der oberen Hälfte der folgenden Illustration übersichtlich dargestellt.
Machen wir nun einen weiteren Schritt und verweben die letzten losen Fäden. Falls Sie zur treuen HEIMisch-Blog-Leserschaft gehören, erinnern Sie sich womöglich an die beiden «griechischen Gottheiten» Sympathikus und Parasympathikus aus dem Blogbeitrag #98? Schmunzeln garantiert!
Diese beiden «Mitspieler» des vegetativen Nervensystems (es steuert automatisch die wichtigsten Körperfunktionen) sind letztlich verantwortlich dafür, dass wir morgens in die Gänge kommen und abends einschlafen können.
Gestörter zirkadianer Rhythmus = gestörter Schlaf
Kommt der zirkadiane Rhythmus, unser Dirigent, zum Beispiel wegen Schichtarbeit, Stress oder viel Bildschirmzeit am Abend (Blaulicht!) durcheinander, dann irren seine Musiker Sympathikus und Parasympathikus wie aufgescheuchte Hühner durch die Gegend. Logisch folgt daraus kein entspannter, harmonischer Schlaf.
Als Experte für den gesunden Schlaf kann ich deshalb nur immer wieder auf dasselbe hinweisen: Schenken Sie dem Tag-Nacht-Rhythmus (dem zirkadianen Rhythmus) genügend Aufmerksamkeit und hören Sie auf Ihren Körper! Das ist einer der wichtigsten Faktoren für einen erholsamen Schlaf. Ein Schlafmittel kann in einer Notlage hilfreich sein, längerfristig gesehen, löst man damit kein Problem. Die Natur hat für uns alles perfekt eingerichtet – wir haben leider hin und wieder die Tendenz, diese natürliche Ordnung zu wenig zu beachten.
Nun freue ich mich, Sie in zwei Wochen zum HEIMisch-Blog Nummer 157 – «Hurra, wir geh’n auf Reisen!» » wieder dabei zu haben.
Bis bald!
Ihr Bernhard Heim
Schlaf- und Wohnberater und zirkadianer Rhythmiker
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